Rund 1.500 Jahre lang konnte niemand mehr die Hieroglyphenschrift lesen, die Ägyptens Tempel und Pyramiden schmückt. Das Schriftsystem war nach dem 4. Jahrhundert n. Chr. außer Gebrauch geraten, seine Bedeutung im Lauf der Geschichte verloren gegangen. Dann stellte sich 1799 heraus, dass eine unscheinbare Steinplatte, gefunden im Nildelta, den Schlüssel barg, der dieses Schweigen beenden sollte.
Ein Zufallsfund im Delta
Der Stein von Rosette verdankt seinen Namen der Stadt, in der er gefunden wurde: Raschid, auf Französisch Rosette. Im Sommer 1799 stieß der französische Militäringenieur Pierre-François Bouchard während Napoleons Ägyptenfeldzug bei Befestigungsarbeiten an einer alten Festung zufällig auf ihn. Der Stein war als Baumaterial in der Festungsmauer wiederverwendet worden und trug drei unterschiedliche Textblöcke.
Französische Gelehrte erkannten seine Bedeutung sofort, doch als britische Truppen die Franzosen 1801 in Ägypten besiegten, wechselte der Stein den Besitzer. Nach seiner Übergabe an die Society of Antiquaries kam er 1802 in das neu gegründete British Museum und gehörte dort zu den allerersten ausgestellten Objekten. Bis heute befindet er sich dort und zählt zu den meistbesuchten Exponaten des Museums.
Drei Schriften, ein Text
Was den Stein von Rosette so wertvoll machte: Ein und derselbe Erlass war in drei verschiedenen Schriften eingemeißelt worden — Hieroglyphen (die Bilderschrift, die Priester für religiöse und offizielle Texte nutzten), Demotisch (eine vereinfachte, im Alltag verwendete ägyptische Schrift) und Altgriechisch. Der Text war ein Priestererlass aus dem Jahr 196 v. Chr. zu Ehren des jungen Pharaos Ptolemaios V.
Altgriechisch konnten Gelehrte bereits lesen — das machte den Stein zu einem Entschlüsselungswerkzeug: Wenn alle drei Fassungen denselben Inhalt wiedergaben, konnte der griechische Abschnitt als Referenzpunkt dienen, um die beiden anderen zu erschließen. Doch die Aufgabe war alles andere als einfach — nicht einmal war klar, ob Hieroglyphen Laute oder Begriffe darstellten.
Zwei Jahrhunderte voller Fehlversuche
Champollion war nicht der Erste, der behauptete, die Hieroglyphen „geknackt" zu haben. Bereits anderthalb Jahrhunderte zuvor stellte der Jesuitengelehrte Athanasius Kircher im 17. Jahrhundert diese Behauptung auf. Nach über zwei Jahrzehnten Arbeit veröffentlichte er 1655 das monumentale Werk Oedipus Aegyptiacus und deutete Hieroglyphen als System mystischer Symbole ohne jede Verbindung zwischen Schrift und gesprochener Sprache. Gestützt auf antike und frühchristliche Texte, insbesondere neuplatonische Autoren, waren seine „Übersetzungen" reine Fantasie — eine einfache Phrase in einer Kartusche konnte bei ihm zu seitenlangen mystischen Prophezeiungen anschwellen.
Selbst manche seiner Zeitgenossen waren skeptisch, doch die schiere Wucht seiner lateinischen Bände überzeugte viele. Der Ägyptologe E. A. Wallis Budge nannte Kircher im 19. Jahrhundert später den bedeutendsten unter jenen, die „vorgaben, den Schlüssel zu den Hieroglyphen gefunden zu haben", und bezeichnete dessen Übersetzungen als „reinen Unsinn". Dennoch erwiesen sich die von Kircher mühsam zusammengetragenen Textkopien ein Jahrhundert später als nützliches Ausgangsmaterial für Champollions eigene Forschung — ein seltener Fall, in dem eine falsche Theorie indirekt zur Wissenschaft beitrug.
Youngs erster Durchbruch
Den ersten ernstzunehmenden Beitrag zur Entschlüsselung lieferte der englische Physiker Thomas Young. Er zeigte, dass einige Zeichen im Hieroglyphentext einen königlichen Namen — den des Ptolemaios — lautlich wiedergaben. Das war ein starker Beleg dafür, dass Hieroglyphen zumindest in bestimmten Fällen eine phonetische Funktion trugen und nicht rein symbolisch waren. Dennoch zögerte Young, diese Beobachtung auf das gesamte System zu verallgemeinern, und trieb seine Forschung nicht weiter voran.
Die entscheidende Frage
Es blieb die Frage: Funktionierten Hieroglyphen nur bei Eigennamen phonetisch, oder war die gesamte altägyptische Sprache auf diese Weise geschrieben? Die Antwort wartete auf jene Person, die eine jahrzehntelange Debatte beenden sollte.
Champollions Entdeckung
Der französische Linguist Jean-François Champollion war seit seiner Jugend von orientalischen Sprachen und dem alten Ägypten fasziniert. In fast zwanzig Jahren Arbeit kam er voran, indem er Abschriften des Steins von Rosette mit anderen Hieroglyphentexten verglich — bemerkenswerterweise hatte er nie die Gelegenheit, das Original selbst zu untersuchen.
Der Moment von "Ich hab's!"
Am 14. September 1822 untersuchte Champollion Kartuschen (die ovalen Rahmen um königliche Namen) aus einem anderen ägyptischen Tempel und bemerkte, dass eine Kartusche den Namen „Ramses" lautlich wiedergab. Das war der Beweis, dass Hieroglyphen systematisch Laute darstellten — nicht nur in wenigen Sonderfällen. Der Legende nach war Champollion so überwältigt, dass er zum Institut seines Bruders eilte, „Je tiens l'affaire!" („Ich hab's!") ausrief und anschließend tagelang vor Erschöpfung zusammenbrach.
Am 27. September 1822 stellte Champollion seine Erkenntnisse offiziell an der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres in Paris vor — ein Datum, das heute als Geburtsstunde der Ägyptologie gilt.
Die Geburt der Ägyptologie
Champollions Entschlüsselung zeigte, dass Hieroglyphen ein Mischsystem aus phonetischen und begrifflichen Zeichen waren. Der Durchbruch machte die Aufzeichnungen einer fünftausend Jahre alten Zivilisation auf einen Schlag lesbar — von Pharaonenannalen über alltägliche Handelsdokumente bis hin zu religiösen Texten und Liebesgedichten. Champollions Methode bildet bis heute die Grundlage der Entschlüsselungsprinzipien, auf die sich Ägyptologen stützen.
Auch Thomas Youngs früher Beitrag behält seinen Platz in der Wissenschaftsgeschichte; obwohl ein Prioritätsstreit zwischen den beiden Gelehrten das gesamte 19. Jahrhundert überschattete, betrachten die meisten Historiker ihre Arbeiten heute als einander ergänzende Etappen.
Die Geschichte des Steins heute
Wo der Stein von Rosette hingehört, ist bis heute umstritten. Ägypten fordert immer wieder seine Rückgabe und argumentiert, es handle sich um ein auf ägyptischem Boden entdecktes nationales Kulturerbe. Das British Museum wiederum behandelt ihn weiterhin als eines der wichtigsten Stücke seiner Sammlung. Unabhängig vom Ausgang dieser Debatte steht der Platz des Steins in der Wissenschaftsgeschichte außer Frage: Der Ausdruck „ein Stein von Rosette" ist im Englischen zu einer Redewendung für jeden entscheidenden Hinweis geworden, der ein Rätsel löst — ein Erbe, so beständig wie die Sprache selbst.

