Wenn ein Schiedsrichter im Fußballspiel in die Tasche greift, weiß jeder, was folgt: Die Gelbe Karte ist eine Verwarnung, die Rote Karte das Ende des Spiels. Diese beiden farbigen Kartons sind heute Teil der universellen Sprache des Fußballs. Vor 1970 gab es so etwas jedoch nicht; Schiedsrichter verwarnten Spieler mündlich und sprachen Platzverweise ebenso aus. In internationalen Spielen, in denen Spieler und Schiedsrichter oft verschiedene Sprachen sprechen, führte das häufig zu Verwirrung. Die Lösung kam einem englischen Lehrer-Schiedsrichter, während er im Verkehr wartete.
Wer war Ken Aston?
Ken Aston (1915–2001) war Grundschulrektor aus Essex und einer der führenden Schiedsrichter der FIFA. 1936 erwarb er die Schiedsrichterlizenz, im Zweiten Weltkrieg diente er in der britischen Armee, danach blieb er sowohl dem Lehrerberuf als auch der Schiedsrichterei treu. Dem Fußball hatte er bereits mehrere Neuerungen gebracht: 1946 war er der erste Schiedsrichter der Football League, der das schwarze Schiedsrichtertrikot trug, und 1947 führte er, nachdem er bei einem Spiel im Nebel seinen Linienrichter nicht sehen konnte, die leuchtend farbigen (roten und gelben) Linienrichterfahnen ein. Farbcodierung war für ihn keine neue Idee.
1962: Die Schlacht von Santiago
Astons Name wurde erstmals bei der WM 1962 in Chile breiter bekannt, im Spiel Chile gegen Italien, das als "Schlacht von Santiago" in die Geschichte einging. Das Spiel war so gewalttätig, dass die Polizei dreimal auf den Platz musste; nach dem Schlusspfiff sagte Aston, er habe "ein militärisches Manöver geleitet, kein Fußballspiel". Die Erfahrung hielt die Frage, wie man auf dem Platz für Ordnung sorgt, in seinem Kopf wach.
1966: Eine Verständigungspanne
Der eigentliche Funke schlug bei der WM 1966 in England über, wo Aston Vorsitzender der Schiedsrichterkommission war. Im Viertelfinale England gegen Argentinien konnte sich der deutsche Schiedsrichter den argentinischen Spielern nicht verständlich machen; ein Spieler wurde wegen "verbaler Gewalt" des Feldes verwiesen, verließ es aber erst, nachdem Aston eingegriffen hatte. Zudem war nach dem Spiel nicht einmal klar, ob die englischen Spieler Jack und Bobby Charlton verwarnt worden waren — der Schiedsrichter hatte es niemandem deutlich gemacht. Entscheidungen, die niemand sehen konnte, waren ein offensichtliches Problem.
Die Idee an der Ampel
Auf der Heimfahrt von Wembley nach dem Spiel hielt Aston an einer roten Ampel in der Kensington High Street. Wie er es Jahre später erzählte: "Gelb, mach langsam; Rot, halt, du bist raus." Die Farblogik der Ampel, die überall auf der Welt dasselbe bedeutet, konnte auch die Sprachbarriere überwinden. Zu Hause erklärte er die Idee seiner Frau Hilda; wenige Minuten später kam sie mit zwei Kartons zurück, einem gelben und einem roten, zugeschnitten, damit sie in eine Hemdtasche passten.
1970: Auf den Platz
Das System der Gelben und Roten Karte wurde erstmals bei der WM 1970 in Mexiko eingesetzt. Der Versuch war ein Erfolg: Entscheidungen waren nun für alle klar, vom Zuschauer auf der Tribüne bis zum Fernsehpublikum, vom Spieler bis zum Trainer. Ein kurioses Detail: Bei dem Turnier 1970 wurde keine einzige Rote Karte gezeigt — die Spieler verhielten sich ungewöhnlich fair. Die erste Rote Karte der WM-Geschichte kam erst 1974, als der Chilene Carlos Caszely im Spiel gegen die Bundesrepublik Deutschland wegen einer zweiten Gelben Karte vom Platz gestellt wurde.
Die Ausbreitung einer Idee
Ab Mitte der 1970er Jahre verbreitete sich das Kartensystem über alle Ebenen des Fußballs und wurde mit der Zeit von Dutzenden anderer Sportarten übernommen: Fechten, Hockey, Volleyball, Wasserball, Handball. Aston gehörte der FIFA-Schiedsrichterkommission acht Jahre an und leitete sie vier Jahre; auch der Ersatzschiedsrichter (der Vorläufer des heutigen vierten Offiziellen) und die Nummerntafel bei Auswechslungen gehen auf ihn zurück. 1997 wurde er zum MBE ernannt und verbrachte seine letzten Jahre damit, in den USA junge Schiedsrichter auszubilden.
Wenn ein Schiedsrichter heute eine Karte zückt, sehen wir ein einfaches, aber geniales Kommunikationsmittel, das seit mehr als fünfzig Jahren in Gebrauch ist und von der Ampel entlehnt wurde. Ein farbiger Karton sagt allen dasselbe, ohne eine der Dutzenden Sprachen zu kennen, die der Fußball spricht.

