Was ist eine Camera obscura?
Eine Camera obscura (lateinisch für "dunkle Kammer") ist ein optisches Gerät, das auf einem einfachen Prinzip beruht: Licht, das durch ein kleines Loch oder eine Linse in einer Fläche fällt, wirft auf die gegenüberliegende Fläche ein auf dem Kopf stehendes und seitenverkehrtes Bild der Szene draußen. Ist die Öffnung klein genug, läuft das Licht jedes Punktes der Außenwelt auf der dunklen Innenfläche in einem einzigen Punkt zusammen, und es entsteht eine scharfe Projektion. Das Bild ist farbig, es bewegt sich und gibt Perspektive sowie das Spiel von Licht und Schatten genau so wieder, wie sie sind; sein einziger "Fehler" ist, dass es kopfsteht. Im Deutschen wird das Gerät als Camera obscura bezeichnet.
Dieser Apparat ist der unmittelbare Vorläufer der modernen Fotokamera, die ihren Namen von ihm hat. Über Jahrhunderte bestand seine eigentliche Aufgabe jedoch nicht darin, das Bild festzuhalten, sondern es so auf Papier oder Leinwand zu werfen, dass ein Maler oder Zeichner es von Hand nachziehen konnte. In diesem Sinne war die Camera obscura vor der Erfindung der Fotografie das stärkste Hilfsmittel, um die Natur mit beinahe mechanischer Genauigkeit abzubilden.
Die lange Geschichte des optischen Prinzips
Das Prinzip hinter der Camera obscura ist weit älter als das Gerät selbst. Im 4. Jahrhundert v. Chr. beschrieb der chinesische Philosoph Mozi, wie Licht, das durch ein kleines Loch in einen dunklen Raum fällt, ein umgekehrtes Bild erzeugt. Aristoteles beobachtete, dass Licht, das während einer Sonnenfinsternis durch die Lücken zwischen Blättern dringt, sichelförmige Flecken auf den Boden wirft. Der Erste, der die Geometrie des Effekts ausführlich erklärte, war der arabische Gelehrte Ibn al-Haytham, der das Thema um 1015 in seinem Buch der Optik behandelte.
Im Mittelalter diente die Anordnung vor allem der Himmelsbeobachtung: Astronomen konnten eine Sonnenfinsternis, deren direkte Betrachtung gefährlich ist, gefahrlos anhand der Projektion an der Wand eines abgedunkelten Raumes untersuchen. Der Begriff "Camera obscura" wurde in diesem Zusammenhang zu Beginn des 17. Jahrhunderts erstmals vom Astronomen Johannes Kepler verwendet.
Die Verwandlung in ein Zeichengerät in der Renaissance
Die eigentliche Verbindung des Geräts zur Kunst entstand in der Renaissance. 1550 berichtete der italienische Gelehrte Gerolamo Cardano, dass eine in das Loch gesetzte Linse das Bild deutlich heller und schärfer machte. Kurz darauf zeigte der Venezianer Daniele Barbaro, dass eine verstellbare Öffnung (eine Blende) das Bild weiter schärfen konnte. Diese beiden Verbesserungen machten die mit einer Linse ausgestattete Camera obscura ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zu einem verbreiteten Hilfsmittel für das Zeichnen und Malen.
Leonardo da Vinci hatte die Funktionsweise der Anordnung beschrieben, indem er sie mit dem menschlichen Auge verglich und mit Zeichnungen zeigte, wie sich das Licht nach dem Durchtritt durch das Loch kreuzt. Wer das Gerät einer breiten Leserschaft als Empfehlung für Maler vorstellte, war der neapolitanische Gelehrte Giambattista della Porta; sein offenes Lob in der viel gelesenen Magia Naturalis (1558) trug wesentlich zum Ruhm der Camera obscura bei.
Der tragbare Kasten und das Atelier des Malers
Zunächst war die Camera obscura buchstäblich ein Raum: Der Maler trat in einen abgedunkelten Raum und betrachtete das Bild an der Wand. Im 17. Jahrhundert wurde das Gerät kleiner. Zuerst kamen tragbare zeltförmige Modelle, dann Holzkästen mit einer Linse an einem Ende, einem im 45-Grad-Winkel angebrachten Spiegel im Inneren und einer Mattscheibe obenauf. Der Spiegel richtete das umgekehrte Bild auf und warf es auf die Mattscheibe, wo der Maler ein dünnes Blatt Papier auflegen und die Umrisse mit einem Stift nachziehen konnte.
Nach der Beschreibung der National Gallery in London wurde bei dieser Anordnung "vom gewählten Motiv außerhalb des Kastens reflektiertes Licht durch die Linse geleitet und in viel kleinerem Maßstab auf eine Fläche projiziert", und "das Motiv konnte dann nachgezeichnet werden". Diese tragbaren Kästen wurden im 18. Jahrhundert unter Landschaftsmalern so verbreitet, dass manche sie nicht für fertige Bilder, sondern zur Anfertigung schneller Skizzen mit korrekter Perspektive nutzten.
Vermeer, Canaletto und die Frage der Belege
Der Maler, dem am häufigsten die Nutzung einer Camera obscura zugeschrieben wird, ist der niederländische Meister Johannes Vermeer aus dem 17. Jahrhundert. Die weichen, unscharfen Lichtpunkte in seinen Gemälden, bestimmte räumliche Proportionen und die übertriebene Größe von Objekten im Vordergrund könnten auf ein optisches Hilfsmittel hindeuten. Der Architekt Philip Steadman rekonstruierte die Geometrie von Vermeers Räumen und argumentierte, dass viele Gemälde fast exakt jenem Bild entsprechen, das eine Camera obscura erzeugen würde. Dennoch ist kein einziges zeitgenössisches Dokument erhalten, das Vermeers Nutzung eines solchen Geräts belegt, und Fachleute wie der Kurator des Metropolitan Museum of Art, Walter Liedtke, vertreten die Ansicht, seine Bedeutung für den Künstler sei "stark übertrieben" worden.
Für Antonio Canaletto, bekannt für seine Ansichten von Venedig, sind die Belege konkreter: Seine erhaltenen Vorzeichnungen zeigen eine auffällige Übereinstimmung, wenn man sie über Fotografien der Stadt legt, und die National Gallery erklärt, das Gerät sei von ihm "nachweislich verwendet" worden. Namen wie Hans Holbein, Caravaggio und Ingres wurden von Zeit zu Zeit in dieselbe Debatte einbezogen.
Die Hockney–Falco-These und ihre Kritiker
2001 stellten der Maler David Hockney und der Physiker Charles Falco in der Studie Secret Knowledge eine weit kühnere Behauptung auf: Der Sprung im Realismus der westlichen Malerei lasse sich damit erklären, dass Künstler bereits ab den 1420er-Jahren Bilder mit Hohlspiegeln und Linsen projizierten und nachzeichneten. Für Hockney schmälert dies das Können der Künstler nicht; es erzählt nur "eine andere Geschichte".
Die These wurde unter Kunsthistorikern und Optikfachleuten scharf kritisiert. Kritiker betonten, die Linsen und Spiegel der Zeit hätten keine Bilder solcher Breite und Klarheit erzeugen können, viele der vorgeschlagenen "Hinweise" ließen sich durch die natürlichen Ergebnisse des Freihandzeichnens erklären, und in den Dokumenten der Zeit finde sich keine Spur einer derart verbreiteten Praxis. Die heute vorherrschende Ansicht lautet, dass einige Maler die Camera obscura nutzten, dass dies aber keine systematische oder verbreitete "Geheimtechnik" war.
Der Weg zur Fotografie
Der letzte Akt der Camera obscura begann mit dem Bemühen, ihr projiziertes Bild dauerhaft zu machen. In den 1820er-Jahren legte der französische Erfinder Nicéphore Niépce eine lichtempfindliche Fläche in einen kleinen Camera-obscura-Kasten und schuf die erste bekannte dauerhafte Fotografie der Geschichte. Kurz darauf verbanden Louis Daguerre und in England William Henry Fox Talbot denselben Kasten mit lichtempfindlichen Chemikalien und erfanden die Fotografie.
Das Instrument, das jahrhundertelang die Hand des Malers geführt hatte, wurde so im 19. Jahrhundert von dieser Hand vollständig unabhängig: Das Bild wurde nun nicht von einem Menschen, sondern von der Chemie festgehalten. Doch die Camera obscura verschwand nicht; heute lebt sie in Museen, Beobachtungsräumen und Künstlerateliers als Werkzeug zum Nachdenken über Perspektive und Sehen fort.

