Blickt man auf eine Weltkarte, bleibt der höchste Punkt an Land stets im Gedächtnis: der Everest, der sich 8.849 Meter in den Himmel erhebt. Doch der extremste Punkt des Planeten liegt gar nicht an Land, sondern tausende Meter unter den dunklen Wassern des Pazifiks. Das Challenger Deep im Marianengraben ist eine der faszinierendsten Ecken der Ozeanographie — sowohl wegen der Schwierigkeit, es zu erreichen, als auch wegen der extremen Bedingungen, die dort herrschen.
Der tiefste Punkt der Erde: Das Challenger Deep
Der Marianengraben erstreckt sich östlich der Philippinen im westlichen Pazifik und ist ein gewaltiger, sichelförmiger Spalt von rund 2.550 Kilometern Länge. Sein tiefster Punkt, das Challenger Deep, wurde 2010 vom US Center for Coastal and Ocean Mapping mit 10.994 Metern (bei einer Fehlermarge von etwa ±40 Metern) vermessen. Um sich das vorzustellen: Würde man den Everest auf Meereshöhe abschneiden und in das Challenger Deep fallen lassen, läge sein Gipfel immer noch über einen Kilometer unter Wasser.
Der Graben ist im Durchschnitt etwa 69 Kilometer breit — es handelt sich also nicht um einen schmalen Riss, sondern um eine geologische Struktur von kontinentalem Ausmaß.
Wie entstand der Marianengraben?
Subduktionszonen und Plattentektonik
Der Marianengraben verdankt seine Existenz einem der grundlegendsten geologischen Mechanismen der Erde: der Plattentektonik. In dieser Region treffen die Pazifische Platte und die kleinere Marianenplatte aufeinander. Wenn zwei ozeanische Platten kollidieren, beginnt die dichtere, ältere Pazifische Platte, sich unter die Marianenplatte zu neigen und in den Erdmantel abzutauchen — ein Vorgang, den man Subduktion nennt.
An dieser Linie, an der sich die Platte nach unten biegt, entsteht am Meeresboden eine tiefe Rinne — genau das ist der Graben, den wir heute sehen. Derselbe Prozess trägt auch zur Entstehung vulkanischer Inseln in der Region bei (wie den Marianeninseln), denn beim Abtauchen der Platte schmilzt Gestein, und das aufsteigende Magma bildet neue Inseln. Der tiefste Punkt der Erde und die nahegelegenen Vulkaninseln sind also im Grunde zwei Szenen derselben tektonischen Geschichte.
Extreme Bedingungen: Druck, Dunkelheit und Kälte
Am Grund des Challenger Deep beträgt der Druck, den die darüberliegende Wassersäule erzeugt, etwa 1.086 bar — das entspricht ungefähr dem 1.072-Fachen des Atmosphärendrucks auf Meereshöhe. Dieser Druck würde einen Menschen augenblicklich zerquetschen; deshalb werden Tauchfahrzeuge, die dorthin hinabsteigen, mit speziell verstärkten Rümpfen aus Titan oder Keramikverbundwerkstoffen gebaut.
Sonnenlicht verschwindet vollständig ab etwa 1.000 Metern Tiefe, sodass der Grabenboden in absoluter Dunkelheit liegt. Die Temperatur bewegt sich knapp über dem Gefrierpunkt, bei etwa 1–4 °C. Die Kombination dieser drei Faktoren — enormer Druck, völlige Dunkelheit und Kälte nahe dem Gefrierpunkt — macht das Challenger Deep zu einem der lebensfeindlichsten Orte der Erde.
Gibt es Leben in dieser Tiefe?
Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass in einer derart extremen Umgebung kein komplexes Leben existieren könne. Tiefseetauchgänge widerlegten diese Annahme. Im Challenger Deep wurden amöbenähnliche Einzeller (Xenophyophoren), kleine Seegurken, Riesenamöben und speziell an den hohen Druck angepasste Bakterienarten nachgewiesen. Diese Organismen haben in ihren Zellmembranen und Proteinen spezifische Anpassungen an diesen Druck entwickelt.
Auch der Fund von Plastikpartikeln und Mikroplastik am Grund des Grabens ist ein aufschlussreicher — und alarmierender — Befund: Er zeigt, dass von Menschen verursachte Verschmutzung selbst den isoliertesten Winkel des Planeten erreicht hat.
Der Mensch im Challenger Deep
Von der Trieste zu modernen Expeditionen
Der erste bemannte Abstieg zum Challenger Deep fand 1960 statt, an Bord des Tiefsee-U-Boots Trieste, gesteuert von Jacques Piccard und Donald Walsh. Nach diesem historischen Tauchgang verging fast ein halbes Jahrhundert, bis erneut ein bemanntes Fahrzeug dorthin hinabstieg.
2012 steuerte der Regisseur James Cameron das Einmann-U-Boot DEEPSEA CHALLENGER allein zum Grund und sammelte dabei Aufnahmen und Proben. 2019 unternahm der Unternehmer Victor Vescovo mit dem Fahrzeug Limiting Factor mehrere Abstiege und kartierte verschiedene Punkte des Grabens. Diese Tauchgänge sind sowohl technisch als auch wissenschaftlich der Beweis, dass die Menschheit selbst die extremsten Umgebungen erreichen kann.
Die Tiefen kartieren: Vom Sonar zum Satelliten
Dass wir von Orten wie dem Marianengraben überhaupt wissen, verdanken wir der Fächerecholot-Technologie (Multibeam-Sonar). Schiffe senden Schallwellen zum Meeresboden und messen, wie lange das Echo für die Rückkehr braucht — daraus entstehen metergenaue Tiefenkarten. Diese Methode ist jedoch langsam und teuer; ein einzelnes Schiff kann Jahrzehnte brauchen, um den gesamten Meeresboden zu vermessen.
Deshalb wollen internationale Projekte wie die 2017 gestartete Initiative Seabed 2030 Daten von Forschungsschiffen, Fischerbooten und sogar Handelsschiffen weltweit zusammenführen, um bis 2030 eine hochauflösende Karte des gesamten Meeresbodens zu erstellen. Wenn diese Arbeit abgeschlossen ist, erwarten Wissenschaftler nicht nur eine Bestätigung bekannter Strukturen wie des Marianengrabens, sondern auch die Entdeckung ähnlicher, bislang unbekannter Tiefseegräben oder Unterwasserberge.
Warum das wichtig ist: Wissenschaft und Entdeckung
Die Erforschung des Marianengrabens ist keine reine Neugierde. Die Untersuchung von Subduktionszonen hilft, Erdbeben- und Tsunamirisiken besser zu verstehen, da genau solche Plattengrenzen die stärksten Erdbeben der Welt hervorbringen. Zugleich könnte die Biochemie druckangepasster Organismen Impulse für Medizin und Biotechnologie liefern.
Mehr als 80 Prozent der Ozeane sind noch immer nicht kartiert — Orte wie der Marianengraben sind in mancher Hinsicht weniger erforscht als die Oberfläche des Mondes. Jeder neue Tauchgang bringt neue Fragen und neue Entdeckungen, sowohl in der Geologie als auch in der Biologie.

