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Vansee: Das Sodameer, das in einem von einem Vulkan verschlossenen Tal entstand

5 Min. Lesezeit15. August 2026· 4 Aufrufe

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Inhaltsverzeichnis
  1. Geografische Lage und wichtige Kennzahlen
  2. Wie entstand er? Ein von einem Lavastrom verschlossenes Tal
  3. Die Chemie des Wassers: Warum friert er nicht, warum ist er salzig?
  4. Ein einziger Fisch in einer lebensfeindlichen Umgebung: die Van-Perlbarbe
  5. Sich änderender Wasserstand und die Zukunft
  6. Quellen

Der Vansee, bekannt für den Ring erloschener Vulkane, der die Hochebenen Ostanatoliens umgibt, ist nicht nur die größte Wasserfläche der Türkei, sondern stellt aufgrund seiner geologischen Entstehung, seiner Wasserchemie und des von ihm beherbergten Lebens auch weltweit einen seltenen Seetyp dar. Seine Oberfläche mag an einen Süßwassersee erinnern, doch sein Wasser ist zu salzig und seifig, um trinkbar zu sein – diese eigentümliche Chemie hat sowohl die Ökologie des Sees als auch das menschliche Leben in seiner Umgebung unmittelbar geprägt.

Geografische Lage und wichtige Kennzahlen

Der See liegt innerhalb der Grenzen der Provinzen Van und Bitlis, im westlichen Teil der tektonischen Senke, die sich zwischen dem Osttaurus und dem Aladağlar-Gebirge erstreckt. An seinen West- und Nordwestufern erheben sich erloschene Vulkane wie Süphan und Nemrut – dieser Vulkangürtel ist auch der Hauptakteur in der Entstehungsgeschichte des Sees.

Seine Fläche beträgt rund 3.713 Quadratkilometer, womit er der größte See der Türkei ist. Da sein Wasserstand je nach klimatischen Bedingungen von Jahr zu Jahr schwankt, variiert auch seine Höhenlage; im Durchschnitt liegt er auf etwa 1.646 Metern über dem Meeresspiegel. Auch sein Tiefenprofil ist bemerkenswert: Die durchschnittliche Tiefe liegt bei rund 170 Metern, während die tiefste Stelle 450 Meter übersteigt. Diese Werte machen den Vansee nicht nur landesweit, sondern auch weltweit zu einem der volumenmäßig größten abflusslosen Seen – sein Gesamtwasservolumen übersteigt 600 Kubikkilometer.

Im östlichen Teil des Sees liegen vier Inseln: Akdamar, Çarpanak, Adır und Kuş (Vogelinsel). Von diesen ist Akdamar mit seiner mittelalterlichen Kirche einer der meistbesuchten kulturellen Orte der Region. Die Küstenlinie ist äußerst zerklüftet; zahlreiche Buchten und Halbinseln lassen den See eher wie eine Kette miteinander verbundener Teilbecken erscheinen als wie ein einziges Becken.

Wie entstand er? Ein von einem Lavastrom verschlossenes Tal

Der Vansee ist im klassischen Sinne kein vulkanischer Kratersee, sondern ein vulkanischer Stausee. Der Abfluss einer bereits bestehenden tektonischen Senke in der Region wurde durch Lavaströme aus dem Vulkan Nemrut verschlossen; als der natürliche Wasserabfluss zwischen der Van- und der Muş-Senke unterbrochen wurde, entstand aus dem sich in der Senke sammelnden Wasser der heutige See. Man geht davon aus, dass dieser Lavastrom mehrere zehn Kilometer lang war und dass sich das Ereignis vor etwa zweihunderttausend Jahren, in einer mittleren Phase der Eiszeit, zutrug.

Doch die Geschichte des Sees beschränkt sich nicht auf dieses eine Ereignis. Sedimentablagerungen am Beckenboden zeigen, dass sich Wasser im Seebecken schon viel früher angesammelt hatte. Der Vansee sollte daher weniger als ein „auf einen Schlag" entstandenes Gewässer verstanden werden, sondern als ein langlebiges Becken, das sich immer wieder ausgedehnt und verengt, seine Chemie verändert und zeitweise sogar Süßwassereigenschaften angenommen hat.

PALEOVAN: ein 600.000 Jahre altes Archiv im Seegrund

Die umfassendsten Erkenntnisse über die geologische Vergangenheit des Sees stammen aus dem PALEOVAN-Projekt, das 2010 mit Unterstützung des Internationalen Kontinentalen Wissenschaftlichen Bohrprogramms (ICDP) durchgeführt wurde. Nach detaillierten seismischen Voruntersuchungen wurde an zwei getrennten Stellen in Wassertiefen von bis zu 360 Metern gebohrt; Sedimentkerne wurden im Nordbecken bis zu einer Tiefe von rund 140 Metern und am Ahlat-Rücken bis zu rund 220 Metern entnommen.

Diese Kerne liefern eine lückenlose kontinentale Klimaaufzeichnung der letzten 600.000 Jahre. Die Sedimente wurden mit mehreren sich gegenseitig stützenden Methoden datiert: durch den Vergleich von Klimaschichten, das Zählen jährlicher Schichtungen (Warven), die Analyse vulkanischer Aschelagen, Argon-Argon- und Radiokarbondatierung, Magnetostratigraphie sowie kosmogene Isotope. Der Nachweis von Hunderten einzelner vulkanischer Aschelagen (Tephra) entlang des Kerns zeigt konkret, wie intensiv die vulkanische Aktivität im Becken in den letzten Hunderttausenden Jahren war. Die untersten Sedimente sind besonders bedeutsam, da sie darauf hindeuten, dass die erste Phase des Sees unter Süßwasserbedingungen begann.

Da diese Aufzeichnung es ermöglicht, nicht nur die Geschichte des Vansees, sondern auch die Dürreperioden, Wasserstandseinbrüche sowie Erdbeben- und Vulkanaktivitäten in ganz Ostanatolien und dem Nahen Osten über glaziale und interglaziale Zyklen hinweg nachzuvollziehen, gilt sie als Referenz unter den Seen der mittleren Breiten.

Die Chemie des Wassers: Warum friert er nicht, warum ist er salzig?

Der Vansee ist ein abflussloses Becken – er hat keinen Abfluss nach außen. Gelöste Mineralien, die von in das Becken einmündenden Flüssen mitgeführt werden, sammeln sich im See an, während Wasser nur durch Verdunstung verloren geht. Dieser Kreislauf hat über Hunderttausende von Jahren zu einem Anstieg der Konzentration gelöster Karbonate und Salze geführt. Infolgedessen hat der Salzgehalt des Wassers rund 19 Promille erreicht, der pH-Wert liegt im Bereich von 9,7 bis 9,9 – also deutlich alkalisch.

Diese chemische Zusammensetzung erklärt eine der auffälligsten Eigenschaften des Sees: Trotz seiner Höhenlage und des rauen Kontinentalklimas mit langen, eisigen Wintern friert die Seeoberfläche nie zu. Da gelöste Salze den Gefrierpunkt des Wassers senken, frieren kleine Seen in der Umgebung zu, während der Vansee offenes Wasser bleibt. Dieselbe sodahaltige Zusammensetzung ist auch der Grund, warum das Seewasser traditionell anstelle von Seife zum Wäschewaschen verwendet wurde.

Das alkalische, sodahaltige Wasser schafft zudem günstige Bedingungen für die Bildung mikrobiell entstandener Karbonatstrukturen im See. Diese turmartigen, unter Wasser nahe der Küste aufragenden Karbonatgebilde werden von Mikroorganismengemeinschaften erzeugt, die frühesten Lebensformen der Erde ähneln, weshalb sie sowohl bei Geologen als auch bei Biologen auf großes Interesse stoßen.

Ein einziger Fisch in einer lebensfeindlichen Umgebung: die Van-Perlbarbe

Die Wasserchemie des Vansees begrenzt seine biologische Vielfalt. Obwohl der See Hunderte Planktonarten beherbergt, ist die einzige Fischart, die sich an diese Bedingungen angepasst hat, die Van-Perlbarbe (Alburnus tarichi). Diese zur Familie der Karpfenfische gehörende Art hat sich an die Bedingungen von hoher Salinität und hohem pH-Wert angepasst und ist so zu einem endemischen Wert des Vansee-Beckens geworden.

Der Lebenszyklus der Perlbarbe ist unmittelbar mit der Chemie des Sees verbunden. Der Fisch ernährt sich und wächst im sodahaltigen Wasser, kann seine Eier dort jedoch nicht ablegen. Deshalb wandert er jedes Jahr zwischen April und Juli in großen Schwärmen zu den in den See mündenden Flüssen, um zu laichen. Nach dem Laichen im Süßwasser kehren die Fische wieder in den See zurück. Diese Wanderung, die an den Flussmündungen so dicht verläuft, dass sie die Wasserfarbe verändert, ist eines der auffälligsten Naturschauspiele der Region.

Diese Wanderung ist zugleich der Moment größter Verwundbarkeit der Art: In engen Flussbetten zusammengedrängte Schwärme werden zu leichten Zielen für Wilderei. Deshalb gilt während der Laichzeit ein Fangverbot, und Schutz- und Kontrollmaßnahmen werden verstärkt. Die Perlbarbe bildet den größten Fischbestand in türkischen Binnengewässern und sichert unmittelbar den Lebensunterhalt von mehr als fünfzehntausend Menschen rund um den See. Dass ein erheblicher Teil der landesweit in Binnengewässern gefangenen Fische auf diese eine Art entfällt, verdeutlicht die wirtschaftliche Bedeutung dieser Ressource.

Die Bedrohungen für die Art beschränken sich nicht auf Wilderei. In den Flüssen, in denen sie zum Laichen wandert, verhindern Sandabbau, Eingriffe ins Flussbett, Wasserentnahmebauwerke und dürrebedingte Abflussrückgänge, dass die Fische die oberen Flussabschnitte erreichen, was den Fortpflanzungserfolg senkt. In manchen Flüssen soll der Fang pro Aufwandseinheit im Laufe der Jahrzehnte drastisch zurückgegangen sein.

Sich änderender Wasserstand und die Zukunft

Abflusslose Seen reagieren selbst auf kleine Verschiebungen im Gleichgewicht zwischen Niederschlag und Verdunstung schnell. Auch der Wasserstand des Vansees ist im Laufe der Geschichte gestiegen und gefallen – in Phasen steigenden Wassers hat er Ackerland und Siedlungen am Ufer überflutet, in Phasen sinkenden Wassers hingegen weite Küstenebenen und unter Wasser liegende mikrobielle Karbonatstrukturen freigelegt. Die in den letzten Jahren beobachtete zurückweichende Küstenlinie zeigt, dass die zunehmende Dürre in der Region und die Wassernutzung im Becken gemeinsam betrachtet werden müssen. Die vergangenen Dürreperioden, die durch Sedimentaufzeichnungen vom Seegrund aufgedeckt wurden, bieten auch für die heutigen Diskussionen über Wassermanagement einen konkreten Bezugspunkt.

Quellen

VanseeSodaseeOstanatolienVulkanseeSeen der Türkei

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