Eine schlichte Zeitungsanzeige
Im Sommer 1961 lud eine Zeitungsanzeige in New Haven Freiwillige zu einer Studie über „Gedächtnis und Lernen" ein. Klempner, Lehrer und Verkäufer, die sich meldeten, ahnten nicht, dass sie Teil eines der meistdiskutierten Experimente der Psychologiegeschichte werden würden. Der Leiter, ein junger Yale-Assistenzprofessor namens Stanley Milgram, interessierte sich in Wahrheit gar nicht für das Gedächtnis, sondern für den Gehorsam.
Den Anstoß dazu gab ein Prozess, der wenige Monate zuvor in Jerusalem begonnen hatte: Der NS-Offizier Adolf Eichmann verteidigte sich damit, beim Massenmord an Millionen Menschen lediglich „Befehle befolgt" zu haben. Milgram wollte unter kontrollierten Laborbedingungen prüfen, ob ein gewöhnlicher Mensch tatsächlich dazu gebracht werden kann, einem anderen zu schaden, nur weil eine Autoritätsperson es verlangt.
Lehrer, Schüler und der Mann im weißen Kittel
Jeder Freiwillige sollte einem anderen Teilnehmer Wortpaare vorlesen und bei jeder falschen Antwort einen Elektroschock verabreichen. Der Freiwillige übernahm stets die Rolle des „Lehrers"; der „Schüler" war in Wirklichkeit ein Schauspieler aus Milgrams Team, der nie einen echten Schock erhielt. Im Raum saß außerdem eine dritte Person – ein Versuchsleiter im grauen Laborkittel, der ruhig und bestimmt Anweisungen gab.
Dreißig Schalter, Schritt für Schritt
Der Schockgenerator vor dem „Lehrer" hatte 30 Schalter, die von 15 bis 450 Volt reichten; nach jeder falschen Antwort sollte ein Schalter weiter nach oben gedrückt werden. Ab einer bestimmten Stufe klopfte der „Schüler" an die Wand, klagte über Herzbeschwerden und verstummte schließlich ganz. Zögerte der Freiwillige, folgte der Versuchsleiter einem festen Skript: „Bitte fahren Sie fort", „Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen", „Es ist unbedingt notwendig, dass Sie fortfahren" und zuletzt „Sie haben keine andere Wahl, Sie müssen weitermachen."
Ein unerwartetes Ergebnis
Vor Beginn der Studie hatte Milgram Psychiater und Yale-Studenten gebeten zu schätzen, wie viele Teilnehmer bis zur höchsten Stufe gehen würden; die Schätzungen lagen unter einem Prozent, und man vermutete, nur einige wenige „Sadisten" könnten dazu fähig sein. Das tatsächliche Ergebnis war ein anderes: Alle Teilnehmer gingen mindestens bis 300 Volt, und 65 Prozent erreichten die maximale Stufe von 450 Volt – obwohl sie den „Schüler" schreien, flehen und schließlich verstummen hörten.
Warum gehorchten so viele?
Milgram selbst betonte, dass die Ergebnisse die Teilnehmer keineswegs als grausam kennzeichneten. Vielmehr zeigten sie, dass auch gewöhnliche, empathiefähige Menschen unter bestimmten Umständen gegen ihr eigenes Gewissen handeln können.
Verantwortung abgeben
Viele Teilnehmer gaben später an, die Verantwortung für das Geschehene beim Versuchsleiter zu sehen, nicht bei sich selbst. Sobald sie sich nur als ausführendes Werkzeug eines fremden Plans begriffen, schien die moralische Last ihrer Handlungen nicht mehr auf ihren eigenen Schultern zu liegen.
Kleine Schritte statt eines großen Sprungs
Der Versuchsaufbau verlangte nie einen Sprung direkt auf 450 Volt, sondern führte in winzigen 15-Volt-Schritten dorthin, von denen sich jeder kaum vom vorherigen unterschied. An irgendeiner Stelle aufzuhören hätte bedeutet, zuzugeben, dass bereits die vorangegangenen Schritte falsch gewesen waren – was den Rückzug psychologisch erschwerte.
Das Gewicht legitimer Autorität
Die Studie fand an einer angesehenen Universität statt, war als seriöse Wissenschaft gerahmt und wurde von einer gefassten Autoritätsperson geleitet. Dieser Rahmen erleichterte es den Teilnehmern, ihr eigenes moralisches Urteil an die verantwortliche Person abzugeben.
Ethische Debatte und wissenschaftliches Erbe
Milgrams Vorgehen wurde scharf kritisiert, weil die Teilnehmer über den wahren Zweck der Studie getäuscht und erheblichem psychischem Stress ausgesetzt wurden; die Psychologin Diana Baumrind argumentierte, die Versuchspersonen seien ohne informierte Einwilligung realem Schaden ausgesetzt worden. Diese Debatte trug maßgeblich dazu bei, dass Universitäten und Organisationen wie die APA in den folgenden Jahren strengere Standards für die Forschungsethik einführten. Milgrams ursprüngliches Verfahren dürfte heute in dieser Form nicht mehr durchgeführt werden, doch mildere Nachbildungen – etwa mit reduzierten Voltzahlen oder virtuellen „Schülern" – haben die zentralen Befunde weitgehend bestätigt.
Warum es bis heute wichtig ist
Das Milgram-Experiment blieb nicht auf das Labor beschränkt. Es dient bis heute als Bezugspunkt, um Gehorsam in militärischen Hierarchien, Unternehmensstrukturen und anderen Kontexten zu verstehen, in denen Menschen schädlichen Anweisungen folgen. Seine bleibendste Lehre lautet: Schaden entsteht nicht immer durch böswillige Menschen – manchmal entsteht er, weil gewöhnliche Menschen ihre Verantwortung an eine Autorität abgegeben haben.

